Öl bleibt das Rückgrat - oder: Selbst Vorreiter Norwegen scheitert an letzter Fossil-Hürde
Norwegen gilt als Klima-Musterland. Mehr als 90 Prozent des Stroms stammen aus Wasserkraft. Elektroautos sind Alltag und das Land rühmt sich einer der niedrigsten CO₂-Intensitäten im europäischen Stromsektor.
Und doch: Gleichzeitig ist Norwegen einer der größten Öl- und Gasexporteure der Welt – und plant, es zu bleiben. Dieses Paradox ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis von Interessenkonflikten, die tief in Wirtschaft und Politik verwurzelt sind. Deutschland steht vor denselben strukturellen Herausforderungen. Wer versteht, warum Norwegen trotz aller Fortschritte feststeckt, versteht auch, was Deutschland falsch machen könnte.
Das Paradox: Grüner Strom, schmutziger Export
Norwegen produziert zuhause fast ausschließlich erneuerbaren Strom – und exportiert gleichzeitig massenhaft Erdöl und Erdgas. Der staatliche Ölkonzern Equinor ist einer der profitabelsten Konzerne Europas. Der Staatsfonds, gespeist aus Öl- und Gaseinnahmen, ist der größte Staatsfonds der Welt. Kurzum: Das norwegische Wohlstandsmodell hängt am fossilen Tropf – auch wenn die Steckdose zuhause längst erneuerbar ist.
Das klingt wie ein exotisches Sonderproblem eines reichen Nordseestaates. Ist es aber nicht. Es zeigt ein grundsätzliches Muster: Die Hürden der Energiewende sind nicht nur technologischer Natur. Sie sind politökonomischer Natur. Wer profitiert vom Status quo? Wer verliert durch den Wandel? Und wer hat die Macht, Wandel zu verhindern?
Das eigentliche Hindernis: Interessen, nicht Technologie
Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Norwegen, den Niederlanden und Großbritannien habe ich in einer soeben in "PLOS Climate" erschienenen Studie untersucht, warum Norwegen trotz seiner privilegierten Ausgangslage bei der Energiewende auf der Stelle tritt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Blockaden liegen nicht am Mangel an Lösungen, sondern am Übermaß an eingebetteten Interessen.
Die Öl- und Gasindustrie in Norwegen ist nicht nur wirtschaftlich dominant – sie ist kulturell verankert. Generationen von Ingenieuren, Politikern und Unternehmern haben ihr Selbstbild, ihre Karrieren und ihre Überzeugungen mit der Petroleumwirtschaft verknüpft. Subventionen für die Fossil-Industrie bleiben unangetastet, während Maßnahmen zur Energieeffizienz oder Elektrifizierung als "weniger attraktiv" gelten – obwohl sie oft billiger und schneller umsetzbar wären.
Der Trugschluss der Zukunftstechnologien:
In der politischen Debatte – in Norwegen wie in Deutschland – wird immer wieder auf Zukunftstechnologien verwiesen: Wasserstoff, Carbon Capture and Storage (CCS), neue Kernkraft. Diese Technologien sollen den Wandel ermöglichen, ohne bestehende Strukturen anzutasten. Das ist politisch bequem. Aber es ist auch riskant.
Denn es verschiebt den Handlungsdruck in die Zukunft – auf Technologien, die entweder noch nicht marktreif sind, enorm teuer bleiben oder bisher kaum im industriellen Maßstab funktionieren. CCS etwa wird seit Jahrzehnten als Lösung gehandelt. Weltweit ist die abgeschiedene CO2-Menge bis heute verschwindend gering. Grüner Wasserstoff ist deutlich teurer als direkte Elektrifizierung – und wird es auf absehbare Zeit bleiben.
Die gute Nachricht: Es gibt Alternativen, die heute funktionieren.
Was tatsächlich hilft: Pragmatik statt Patentlösungen
Unsere Studie argumentiert für einen pragmatischen Ansatz: Statt auf die eine große Lösung zu warten, sollten Energieeffizienz und direkte Elektrifizierung konsequent vorangetrieben werden – überall dort, wo sie bereits heute wirtschaftlich und technisch sinnvoll sind:
Diese Maßnahmen sind nicht glamourös. Aber sie sind wirksam, skalierbar und verfügbar. Entscheidend ist dabei: Diese Maßnahmen lassen sich umsetzen, ohne die fossilen Interessen frontal anzugreifen. Sie bauen parallel neue Strukturen auf – und verschieben damit langsam, aber sicher die politische Ökonomie des Energiesystems.
Wer Wärmepumpen kauft, hat kein Interesse mehr am Gaspreis. Wer ein Elektroauto fährt, denkt anders über die Tankstelle nach. Kleine Entscheidungensummieren sich zu großen Verschiebungen.
Was Deutschland lernen muss
Deutschland ist kein Erdölexporteur. Aber die Grundstruktur des Problems ist dieselbe: Etablierte Industrien – Gasnetzbetreiber, Gasheizungshersteller, Teile der Automobilindustrie – haben starke Lobbys und politische Verbündete. Subventionen für fossile Energieträger werden fortgeführt, während Förderung für Wärmepumpen und Elektromobilität immer wieder auf dem Prüfstand steht.
Die Bundesregierung hat in den letzten Jahren gelernt, wie gefährlich diese Abhängigkeit ist – Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine hat Deutschland quasi über Nacht in eine Energiekrise gestürzt. Und doch: Die strukturellen Fehlanreize sind geblieben. Gasheizungen werden noch immer eingebaut.
Die Sanierungsrate von Gebäuden dümpelt bei unter einem Prozent jährlich – viel zu wenig, um die Klimaziele zu erreichen. Und Wasserstoff wird als Allzweckmittel diskutiert, auch für Anwendungen, in denen Elektrifizierung klar überlegen ist.
Was ist kurzfristig umsetzbar?
Fazit: Der wandel beginnt dort, wo Interessen liegen
Norwegen lehrt uns: Selbst ein Land mit nahezu perfekten Voraussetzungen für die Energiewende kann feststecken – wenn die politische Ökonomie nicht stimmt. Die Technologie ist nicht das Problem. Die Frage ist, wer vom Wandel profitiert und wer ihn fürchtet.
Deutschland hat die Chance, es besser zu machen. Aber dazu braucht es keine weiteren Studien über Wasserstoff und CCS. Es braucht politischen Mut: Energieeffizienz und Elektrifizierung konsequent voranzutreiben, Fehlanreize abzubauen – und anzuerkennen, dass der Weg zur Klimaneutralität nicht durch das Labor der Zukunft führt, sondern durch die Entscheidungen, die heute getroffen werden.
Kommentar:
Äpfel und Birnen sind nun mal unterschiedliche "Sachen".
Das in erster Linie interessante an dem Beitrag ist, dass hier nachgewiesen wird, dass man selbst mit besten Voraussetzungen grünen Strom zu erzeugen, was Deutschland definitiv eben nicht kann, Norwegen trotz allem Erdöl in alle Welt verkauft.
Und wieder sind wir damit beim St. Florians-Prinzip.
Alles was laut Autor "kurzfristig" umsetzbar sein sollte ist so schlicht nicht möglich aus technischen Gründen und schon gar nicht aus finanziellen Gründen. Hier wird der staatlichen Verordnung, um es freundlichen auszudrücken, das Wort geredet.
Nicht der kundige Bürger trifft die Entscheidung. Nein, es sind ideologisierte Politiker die von der Sache keine Ahnung haben und vernünftige Argumente schlicht nicht mehr aufnehmen wollen.
Der Bürger bekommt diktiert. Das Geld dafür wird gedruckt.