Erzwungener Blindflug - Deutschland beschleunigt seine Energiewende
WELT vom 25.03.2026 Axel Bojanowski
Deutschlands Energiewende hat die Wirtschaft ruiniert – und sie schadet dem Klima. Trotzdem will die Bundesregierung das Tempo der CO₂-Einsparung
verdoppeln. Verdonnert wurde sie dazu von einem Gericht, nachdem eine NGO geklagt hatte.
Die Bundesregierung hat ein verschärftes Klimaschutzprogramm vorgelegt. Dazu war sie vom Bundesverwaltungsgericht verdonnert worden, das auf eine
Klage der Deutschen Umwelthilfe hin entschied: Deutschland erfülle den Klimaschutz-Pfad nicht, den das Bundesverfassungsgericht vorgeschrieben hat.
Eine der wichtigsten politischen Entscheidungen über den Kurs des Landes folgt also aus Gerichtsentscheidungen, nicht aus Beschlüssen des Parlaments.
Abwägungen von Klimaschutz mit anderen Belangen von Verfassungsrang wie wirtschaftlichem Wachstum oder sozialem Frieden fanden nicht statt, weil das
Verfassungsgericht dem Land ein Restbudget von CO₂ verordnete.
Deutschland muss radikal den CO₂-Ausstoß reduzieren, obwohl der globale Effekt kaum messbar ist und Emissionen ins Ausland verlagert werden, weil Industrie aus Deutschland abwandert. Laut dem neuen Programm soll der CO₂-Ausstoß hierzulande in den kommenden vier Jahren um 65,1 Prozent gegenüber 1990 sinken; derzeit sind es 48,2 Prozent – dafür müsste das Tempo der CO₂-Einsparung pro Jahr verdoppelt werden.
Verschärfte Probleme
Das neue Klimaschutzprogramm der Regierung sieht dafür die Verschärfung des bisherigen Energiewendekurses vor: Schnellerer Ausbau von Windkraftanlagen, um bis 2030 vier Fünftel des Stroms aus Erneuerbaren zu gewinnen, Verfünffachung von E-Autos plus Plug-in-Hybriden binnen vier Jahren, Ausbau von Wärmepumpen und des Wärmenetzes, Elektrifizierung von Industrieprozessen und mehr als 60 Maßnahmen mehr; lukrative Fördertöpfe aus Steuermitteln stehen bereit.
Der Energiesektor muss den größten Beitrag zu den Einsparungen leisten, ein Viertel soll zudem der Verkehr beitragen, Industrie und Gebäude jeweils ungefähr 15 Prozent. Pragmatische Lösungen, die CO₂ reduzieren könnten, wie der Ersatz von klimaschädlicherem Kohlestrom durch heimisches Frackinggas oder das Wiederanfahren abgeschalteter Atomkraftwerke sind nicht vorgesehen, ideologiebedingt.
Die Beschleunigung der Energiewende läuft damit in potenzierte Probleme: Engpässe bei Leitungsnetzen, bei Speichern, Rohstoffen, Flächen, Fachkräften, erhöhter Regelungsbedarf der permanenten Stromversorgung und Kosteneskalation als systemisches Risiko. Ein Blindflug.
Bundesumweltminister Carsten Schneider versucht sein Programm damit zu bewerben, dass es Deutschland unabhängiger mache bei Energieexporten, verschweigt aber das Lieferkettenrisiko für Wind- und Solartechnologie, die wesentlich auf China setzt.
Dem Klima ist nicht gedient
Und auch das neue Programm zielt weiterhin auf baldige Wasserstoffwirtschaft in Deutschland, obwohl sich die Aussichten nicht gebessert haben, dass Wasserstoff Erdgas als kostengünstigen Energieträger ablösen und überhaupt nur in ausreichender Menge zur Verfügung stehen könnte. Während Schwellenländer und China keinem strikten CO₂-Regime unterworfen sind und sich auch die USA, Australien, Japan und Kanada wegen ökonomischer
Probleme laxere Klimapolitik machen, bleiben die EU und allen voran Deutschland als selbsternannte Vorreiter.
Deutschlands Energiewende, die das Steuergeld auch ärmerer Leute an wohlhabende Haus- und E-Autobesitzer und an Energiekonzerne und ihre grüne Lobby umverteilt, senkte den CO₂-Ausstoß zuletzt vor allem durch Deindustrialisierung. Auch die Regierung von CDU und SPD will daran nichts ändern, allzu mächtig scheint die Energiewende-Lobby.
Dem Klima ist damit nicht gedient, im Gegenteil: Wer wird dem deutschen Beispiel schon folgen wollen, das trotz Hunderter Milliarden Kosten eine der schlechtesten CO₂-Bilanzen Europas und mit die teuersten Stromkosten aufweist?