Die Apokalypse fällt aus. Können wir bitte noch mal über das Klimaziel sprechen?

Die Apokalypse fällt aus...

Deutschland schlittert immer tiefer in die Deindustrialisierung. Schuld ist ein Klima-Horrorszenario, das Wissenschaftler nun als falsch enttarnt haben. Allerhöchste Zeit, die deutschen Klimaziele zu überdenken.

Letzte Woche gab es eine erfreuliche Nachricht: Das Armageddon kommt wohl doch nicht.

Das WCRP, ein internationales Forschungsprogramm, das Klimamodelle für den Weltklimarat der UN entwickelt, hat sein Extremklimaszenario RCP8.5zurückgezogen (https://www.welt.de/wissenschaft/plus69f9ba3f472693c1c1ff25af/klima-warumklimaforscher-ihre-beliebte-horrorprognose-ploetzlich-abschaffen.html?icid=search.product.onsitesearch) . Worauf mein WELT-Kollege Axel Bojanowski seit Jahren hinweist, ist damit quasi amtlich: Das Modell, das eine Verdreifachung der CO₂-Konzentration in der Luft annimmt, war selbst von seinen Entwicklern nie als realistisches Szenario gedacht, sondern immer als rechnerische Extremsimulation.

Dennoch basierten maßgebliche Berechnungen, mit denen die Notwendigkeit eines rigorosen Klimaschutzes begründet wurde, auf diesem Szenario – etwa eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums unter Robert Habeck, die 2023 von der „Tagesschau“ bis zum „Spiegel“ breit und weitgehend kritikfrei rezipiert wurde.

Auch dass ab etwa 2018 plötzlich alle maßgeblichen Akteure von der Automobilindustrie über Angela Merkel bis zu den Kirchen von der „großen Transformation“ (https://www.welt.de/debatte/plus256182034/Umbau-der-Gesellschaft-Das-Ende-der-grossen-Transformation.html) sprachen, die jetzt angeblich unabweisbar notwendig sei (die bei mir allerdings immer die Assoziation des „Großen Sprungs“ von Mao hervorrief), lässt sich aus diesem Geist erklären.

Die Korrektur des WCRPs bietet vielleicht die Chance, die Dinge doch noch einmalgrundsätzlich zu betrachten, nämlich Nutzen und Kosten miteinander abzuwägen.

Drohte beim Klimawandel wirklich die Apokalypse und hätte es die Menschheit gleichzeitig in der Hand, diese durch ihr Handeln doch noch zu vermeiden, wäre der Nutzen von Klimaschutzmaßnahmen ja in der Tat gigantisch groß. Fast genauso gigantisch dürften in diesem Fall auch die Kosten ausfallen – für die Menschheit wäre es immer noch rational, diese zu tragen.

Die Realität ist wohl (Gott sei Dank!) weniger spektakulär. Darauf deutet nicht nur die Rücknahme des RCP8.5-Szenarios hin, sondern darauf weist auch der deutsche Klimaforscher Jochem Marotzke seit Jahren hin: Es „erschüttere“ ihn, dass junge Menschen glaubten, „ihr Überleben sei bedroht“. Der Klimawandel bringe ernsthafte Probleme mit sich, aber derartige Ängste seien „komplett unbegründet“. Marotzke ist nicht irgendwer, sondern einer der prägenden deutschen Wissenschaftler des Weltklimarats und Leitautor mehrerer Kapitel des IPCC-Berichts.

Wenn der Nutzen von Klimaschutz nun aber doch nicht im verhinderten Weltuntergang liegt, müssen wir bei den Kosten vielleicht wieder etwas genauer hinsehen. Es sind die Kosten von Energiewende, Verbrennerverbot und Dekarbonisierung – in Deutschland also je nach Studie bisher zwischen 500 und 1000 Milliarden Euro für die Energiewende, ein Gewinnrückgang der großen Autohersteller gegenüber 2024 um fast fünfzig Prozent und ein offenkundiger Niedergang der energieintensiven Industrie. Und all das, während wir uns weitergegenseitig das Märchen vom „grünen Stahl“ erzählen.

Jetzt ist Realismus gefragt

Natürlich, nicht alles geht auf das Konto Klimaschutz, manches ist auch notwendigen Investitionen und verschlafenen Innovationen geschuldet. Dennoch fällt das Urteil internationaler Ökonomen inzwischen scharf und ziemlich einhellig aus: Deutschland schlittert gerade mit immer höherer Geschwindigkeit in die Deindustrialisierung.

Es wäre ein erster Schritt, zuzugeben, dass diese Deindustrialisierung vor allem etwas mit unserem rigorosen Verständnis von Klimaschutz zu tun hat. In einem zweiten Schritt müssten wir dieses dann neu verhandeln. Wir werden eine gewisse Erderwärmung hinnehmen müssen, weil sonst die Kosten ihrer Vermeidung weit über ihrem Nutzen liegen. Dieses neue Ziel dürfte näher an 3 liegen als an den angestrebten zwei oder gar 1,5 Grad des Pariser Klimaschutzabkommens.

In Deutschland und Europa werden das viele entsetzlich und empörend finden. Aber im Rest der Welt hätten wir mit einem solchen realistischen und abgewogenen Ziel die Chance, überhaupt wieder Gehör beim Thema Klimaschutz zu finden.

Kristina Schröder war von 2002 bis 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages und von 2009 bis 2013 Bundesministerin für Familien, Senioren, Frauen und Jugend.

Heute ist sie unter anderem als Unternehmensberaterin tätig und als stellvertretende Vorsitzende von REPUBLIK21, Denkfabrik für neue bürgerliche Politik. Sie gehört der CDU an und ist Mutter von drei Töchtern.

Die Apokalypse fällt aus. Können wir bitte noch mal über das Klimaziel sprechen?

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