Die Lüge vom Sieg der Klimapolitik

Die Lüge vom Sieg der Klimapolitik - Kolumne Klimabilanz

Klimaforscher haben ihr schlimmstes Zukunftsszenario kassiert. Medien und manche Wissenschaftler erklären die Rücknahme zum Erfolg der Energiepolitik –sie müssen sich der Lüge bezichtigen lassen.

Es ist eine besondere Volte der Klimadebatte: Ausgerechnet das Zukunftsszenario „RCP8.5“, das als Chiffre für die nahende Klimakatastrophe diente, wird in der neuen Szenarien-Architektur der Klimaforschung durch weitaus weniger dramatische Projektionen ersetzt. RCP8.5 sei „unplausibel“.

Mehr als ein Jahrzehnt dominierte das Szenario als Warnung vor extremer Erwärmung Studien, Medien, die Politik. Auch die Ampel-Regierung nutzte (https://www.welt.de/wissenschaft/plus69fb23c5cd4a28c47001debd/klima-jetztgeraten-klimaschutz-programme-ins-zwielicht-auch-robert-habecks-strategie.html) die Prognosen, die extreme Klimaschäden für Deutschland vorhersagten, etwa für ihre „Klimaanpassungsstrategie“ und neue Gesetze.

Als angemessene Reaktion auf die Rücknahme erscheine nun: „Ja, wir haben uns geirrt“, erklärt Roger Pielke, Klimaforscher an der Denkfabrik American Enterprise Institute, der die Korrektur der Klimaszenarien bekannt gemacht hatte. Doch statt Eingeständnissen kommen Rechtfertigungen.

„Klimaschutz hat gewirkt“, behauptet beispielsweise ein Funktionär des New Climate Institute in Köln, das wesentlich von Klimastiftungen finanziert wird. Ähnlich äußert sich ein Forscher vom European Institute on Economics and the Environment in Mailand, das ebenfalls grundlegend von Klimaschutz-Organisationen getragen wird.

Auch Wissenschaftler des Potsdam-Instituts PIK (https://www.welt.de/wissenschaft/plus68b843b40648574ee41a67a8/pik-daseinflussreiche-klima-institut-das-wirtschaftswachstum-ueberwinden-will.html), einer im Lobbyregister eingetragenen Einrichtung für Klimafolgenforschung, erklären die Wende mit erfolgreichem Klimaschutz. Medien berichten entsprechend.

„Sie wissen es besser“, meint Pielke. „Die Vorstellung, dass RCP8.5 heute aufgrund des Erfolgs der Klimapolitik unwahrscheinlich ist, ist eine Lüge“, stellt er klar, der bereits 2018 auf die Abwegigkeit des populären Szenarios aufmerksam machte und Studien dazu publizierte. „Klimawissenschaftler schaden ihren eigenen Agenden, wenn sie solche Falschaussagen verbreiten“, schreibt Pielke. (https://rogerpielkejr.substack.com/p/rcp85-is-officially-dead)(https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimaszenarien-deutschland-rcp8-5-ssp5-8-5-erneuerbare-energien-worst-case-li.3485804?reduced=true)(https://issues.org/climate-change-scenarios-lost-touch-reality-pielkeritchie/)

Er verstehe zwar „sowohl die Notwendigkeit, das Gesicht zu wahren, als auch die Klimapolitik als wirksamer darzustellen, als sie tatsächlich war“, betont er. „Wenn wir jedoch die Gründe für das RCP8.5-Debakel nicht genau verstehen, riskieren wir, diese Fehler zu wiederholen“.

Der Szenarienforscher Zeke Hausfather von der Stripe University in den USA bestätigt: Es habe zwar klimapolitische Fortschritte bei den CO₂-Emissionen gegeben, aber RCP8.5 sei nie realistisch gewesen.

Dass es zu einem plausiblen Szenario erklärt wurde, sei mit einem „Kommunikationszusammenbruch“ zu erklären, der sich zwischen Modellierern und Klimaforschern ereignet habe, erläutert Hausfather.

Der Umweltwissenschaftler Matt Burgess von der University of Wyoming bestätigt: „Technologische Verbesserungen und in gewissem Maße auch Klimapolitik haben RCP8.5 noch unwahrscheinlicher gemacht – aber es war immer schon unwahrscheinlich, aus Gründen, die wir kannten.“

Bereits kurz nach der Präsentation des RCP8.5-Szenarios 2011 war dem Wissenschaftler Justin Ritchie aufgefallen, dass das RCP8.5-Szenario einen exorbitanten Kohle-Boom voraussetzte, für den es keine Anzeichen gab. Rund 40.000 Kohlekraftwerke hätten gebaut, die Verbrennung von Kohle verfünffacht werden und die jährlichen CO₂-Emissionen um das Dreifache steigen müssen.

Auf solch eine Steigerung deutete nichts hin. Seit einem Jahrzehnt steigen die globalen CO₂-Emissionen kaum noch – sie verharren nahe Rekordniveaus bei rund 40 Milliarden Tonnen pro Jahr. Das RCP8.5-Szenario war nie realistisch, haben Studien bereits vor rund zehn Jahren gezeigt. Seit 2020 häuften sich Arbeiten und Kommentare aus der Klimaforschung, die mahnten, RCP8.5 nicht als realistisches Szenario zu behandeln.

„Die Belege, dass RCP8.5 immer unwahrscheinlich war, wurden einfach unbestreitbar, als sich die reale Welt und die RCP8.5-Welt weiter auseinandersetzten“, bilanziert Roger Pielke. Die neuen Klimaszenarien, sie heißen„CMIP7“, sie fallen milder aus, liefern indes keine Entwarnung.

RCP8.5, auf Deutsch „Repräsentativer Konzentrationspfad“, beschrieb, dass die CO₂-Konzentration zusammen mit anderen Klimagasen in der Luft so stark steigen würde, dass sich die Erde massiv erwärmt – um 8,5 Watt pro Quadratmeter, also einer erheblichen zusätzlichen Energiezufuhr pro Fläche der Erde durch immens verstärkten Treibhauseffekt.

Indes: Blieben die CO₂-Emissionen bis Ende des Jahrhunderts auf einem konstanten Niveau – Experten erwarten allerdings sinkende Emissionen –, läge die Konzentration bei nicht einmal der Hälfte des RCP8.5-Szenarios.

Trotz dieser Widersprüche war RCP8.5 im jüngsten UN-Klimareport das meistgenutzte Szenario, in Medienberichten ohnehin. Es bestimmte den Blick in die Klima-Zukunft für Regierungen und Bürger, forciert (https://www.welt.de/wissenschaft/plus241959167/Klimawandel-Die-unrealistischen-Horror-Szenarien.html) von einer einflussreichen Energiewende-Lobby, die Studien mit dem Extremszenario förderte, das Wissenschaftlern Aufmerksamkeit und damit Relevanzvorteile brachte.

Auch die neuen „CMIP7“-Klimaszenarien bieten gleichwohl Anlass zur Sorge. Das Überschreiten von drei Grad erscheint weiterhin möglich, zweieinhalb gelten derzeit als wahrscheinlich; knapp 1,5 Grad Erwärmung sind bereits erreicht. Auch eine solche Erwärmung ginge langfristig mit erheblichen Risiken einher.

WELT-Chefreporter Axel Bojanowski berichtet seit 1997 als Wissenschaftsjournalist hauptsächlich über Klimaforschung und Klimapolitik. In seinem Buch „Was Sie schon immer übers Klima wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“(Westend-Verlag) erzählt er in 53 Geschichten vom Klimawandel zwischen Lobbygruppen und Wissenschaft.(https://www.amazon.de/wissen-wollten-bisher-fragenwagten/dp/3864894611/)Quelle: Westend

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