WELT – Warum Klimaforscher ihr dramatischstes Szenario plötzlich abschaffen

RCP8.5

Warum Klimaforscher ihr dramatischstes Szenario plötzlich abschaffen

Eine Lobby machte RCP8.5 berühmt: Das reißerischste aller Klimaszenarien bestimmt wissenschaftliche Studien, Medien und Politik – dabei ist es unrealistisch. Nun wird es tatsächlich ausgemustert. Das hat Folgen.

Die Lektion sei „sehr wichtig“ gewesen, erzählte der britische Premierminister Boris Johnson, nachdem ihn seine Berater von der Dringlichkeit des Klimaproblems überzeugt hatten. Im Januar 2022 hatten sie ihm auf elf Schaubildern Prognosen zur globalen Erwärmung präsentiert.

Was der Premierminister nicht ahnte: Das ihm präsentierte Extremszenario RCP8.5hatten Wissenschaftler längst als unrealistisch entlarvt. Dennoch nutzten es Regierungsstellen ausgiebig, nicht nur in Großbritannien: „Anpassen oder sterben“, erklärte die Umweltbehörde des Landes unter Berufung auf RCP8.5.Das reißerischste Klima-Narrativ bestimmt (https://www.welt.de/wissenschaft/plus241959167/Klimawandel-Die-unrealistischen-Horror-Szenarien.html) seit mehr als einem Jahrzehnt wissenschaftliche Studien, Medien und Politik. Doch jetzt soll es abgeschafft werden. In der neuen Sammlung der Klimaszenarien des World Climate Research Programme (WCRP) ist es nicht mehrvertreten. RCP8.5 wird durch mildere Szenarien ersetzt. Auch die anderen etablierten Klimaszenarien werden erneuert.

RCP8.5 – ausgeschrieben übersetzt „repräsentativer Konzentrationspfad 8.5“ –beschreibt eine Entwicklung, bei der die CO₂-Konzentration in der Luft so starkansteigt, dass das Treibhausgas die globale Erwärmung um 8,5 Watt pro Quadratmeter verstärkt. Dafür müssten statt wie heute 420 ppm (Teilchen Kohlendioxid pro eine Million Luftteilchen) 1400, also mehr als das Dreifache, in der Atmosphäre sein. Derzeit fügt die Menschheit etwa 3 ppm CO₂ pro Jahr hinzu.

Wenn die Emissionen bis Ende des Jahrhunderts auf einem konstanten Niveaubleiben – was Experten angesichts der eingeleiteten Energiewende als pessimistisch erscheint –, dann gelangten weitere 3200 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Luft; nicht einmal die Hälfte des RCP8.5-Szenarios wäre erreicht. Bereits 2014 war dem Klimawissenschaftler Justin Ritchie aufgefallen, dass der Extremfall einen exorbitanten Kohle-Boom voraussetzte, für den es keine Anzeichen gab. Um das RCP8.5-Szenario zu erreichen, müsste die Menschheit pro Tag mehr als ein Kohlekraftwerk bauen, die Verbrennung von Kohle verfünffachen und ihren jährlichen CO₂-Ausstoß verdoppeln.

Nie realistisch

Solch ein Szenario war nie realistisch. Dennoch ist RCP 8.5 im jüngsten UN-Klimareport das am meisten präsentierte Klimaszenario. Wetterdienste, Regierungen und Stadtplaner gründen ihre Empfehlungen auf dem Extrem.

Dabei hatte das Klimasekretariat der Vereinten Nationen bereits vor fünf Jahren festgestellt, dass der Erwärmungstrend dem Szenario RCP4.5 folgt, was den Klimamodellen zufolge eine globale Erwärmung von knapp drei Grad gegenüber dem 19. Jahrhundert bedeuten würde. Ein weitaus glimpflicherer Verlauf als bei RCP8.5.

Eigentlich hatten Modellierer das Extremszenario nicht entwickelt, um der Öffentlichkeit eine mögliche Zukunft vorzurechnen, sondern als Konstrukt, um Klimaeffekte zu erforschen – stärkere modellierte Erwärmung zeitigt deutlichere Signale.

Milliardäre-Lobby

Neben RCP8.5 hatten die Entwickler weitere Alternativen zur Verfügung gestellt: RCP2.6, RCP4.5 und RCP6.0 – doch die spielten bald eine Nebenrolle. Studien mit RCP8.5 versprachen mehr Aufmerksamkeit und große Schlagzeilen.

Allen voran eine Lobby, angeführt von den Milliardären Tom Steyer und Michael Bloomberg in den USA, die der Demokratischen Partei nahestehen, nutzte das Szenario: Sie finanzierte Klimastudien, um die Unterstützung für erneuerbare Energien zu erhöhen. Steyer und Bloomberg beauftragten die Rhodium Group, einen Dienstleister für Wirtschaftsanalysen, mit einem Klimareport.

„Risky Business“ zeigte anhand vonRCP8.5-Szenarien eine düstere Zukunft – mit durchschlagendem Erfolg: Selbst die Konferenz der American Geophysical Union und das bedeutende Wissenschaftsmagazin „Science“ präsentierten die Arbeiten, die beispielsweise für die USA einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um zehn Prozent und eine Erwärmung um acht Grad bis Ende des Jahrhunderts in Aussicht stellten.

Gehäufte Kritik

Seit 2020 aber häuften sich Studien und Kommentare aus der Klimaforschung, die mahnten, RCP8.5 nicht als realistisches Szenario zu behandeln. Nun der Kurswechsel: Klimaforscher um Detlef van Vuuren, führender Szenarien-Entwickler, der schon früh kritisiert hatte, dass RCP8.5 fälschlicherweise als wahrscheinlich präsentiert wurde, erklären: Das RCP8.5-Szenario sei unplausibel.(https://unfccc.int/news/risky-business)(https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S2214629620304655?via%3Dihub) (https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2017124117)(https://issues.org/climate-change-scenarios-lost-touch-realitypielke-ritchie/)(https://gmd.copernicus.org/articles/19/2627/2026/)

Das neue Extremszenario der Klimaforschung – es heißt „CMIP7 High“ – erreicht 2100 rund 830 ppm CO₂, was immer noch fast einer Verdopplung im Vergleich zu heute gleichkäme.

Die Neubewertung bedeute mithin keine Entwarnung: Auch das neue Extremszenario gehe mit hohen Klimarisiken einher, betont der Szenarien-Forscher Zeke Hausfather vom Klimainstitut Berkeley Earth. Dass die Erwärmung drei Grad überschreiten könnte, erscheine weiterhin möglich. Indes: Das RCP8.5-Szenario wird die Klimaforschung weiterhin prägen. Jahre dürften vergehen, bis Wissenschaftler Klimafolgen auf die neuen Szenarien umgerechnet haben. Der nächste UN-Klimareport aber soll bereits in zwei Jahren erscheinen – gutmöglich also, dass RCP8.5 darin wie eine Art Zombie-Szenario weiterlebt.

WELT-Chefreporter Axel Bojanowski berichtet seit 1997 als Wissenschaftsjournalist hauptsächlich über Klimaforschung und Klimapolitik. In seinem Buch „Was Sie schon immer übers Klima wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“(Westend-Verlag) erzählt er in 53 Geschichten vom Klimawandel zwischen Lobbygruppen und Wissenschaft.

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