Unmöglicher „Schwarzstart“ nach Blackout? Die Angst der Netzbetreiber vor dem Südbonus

WELT - Unmöglicher "Schwarzstart" nach Blackout? Die Angst der Netzbetreiber vor dem Südbonus

Neue Gaskraftwerke sollen nach dem Willen der Bundesregierung vor allem in Süddeutschland gebaut werden. Doch Netzbetreiber schlagen Alarm: Mindestens ein Drittel müsse in den Norden. Sonst werde es schwierig, nacheinem Blackout die Stromversorgung aufzubauen.

Dass die Energiewende zur Absicherung der Energieversorgung jederzeit einsatzbereite Gaskraftwerke braucht, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Denn nur mit steuerbaren Stromerzeugern ist die schwankende Produktion der Wind- und Solaranlagen beherrschbar. Groß war deshalb die Erleichterung, als Deutschland Anfang des Jahres von der EU-Kommission die Erlaubnis (https://www.welt.de/wirtschaft/article697a3ccf22446308a24362bf/gas-klarist-nur-der-strompreis-steigt-verbraucher-sollen-fuer-neue-gaskraftwerkezahlen.html) erhielt, den Bau von zwölf Gigawatt Kraftwerkskapazität mit Steuergeldern zu subventionieren.

Jetzt wartet die Kraftwerksbranche auf den Startschuss von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU): Bis 2031 müssen schließlich rein rechnerisch 24 große Gaskraftwerke der 500-Megawatt-Klasse gebaut werden, sonst ist der Zeitplan des Kohleausstiegs nicht zu halten. Die Bauarbeiten müssen schleunigst beginnen, wenn die Backup-Kraftwerke rechtzeitig zur Verfügung stehen sollen. Doch noch ist unklar, wer die neuen Anlagen bauen darf – und wohin. Nötig sind die Kraftwerke vor allem in Süddeutschland. Denn dort gab es noch nie sonderlich viele Kohlekraftwerke. Seit der Abschaltung der Atomkraftwerke fehlt es dort erst recht an Kapazitäten – mit weitreichenden Konsequenzen.

Südbonus macht Norden zur Kraftwerkswüste

So bewirkt der Kraftwerksmangel im Süden, dass große Windstrom-Mengen von der Küste in die Leitungen gen Bayern und Baden-Württemberg drängen. Um eine Überlastung der knappen Nord-Süd-Verbindungen zu verhindern, ist dann nur noch das Abschalten norddeutscher Windparks gegen Entschädigung möglich. Die „Redispatch“ genannten Eingriffe der Netzbetreiber in den Kraftwerksbetrieb schlugen zuletzt mit Milliardenkosten auf die Stromrechnung der Verbraucher durch.

Um die Redispatch-Kosten zu verringern, sollen die südlichen Länder nun möglichst viele neuen Gaskraftwerke bekommen. Die können in windreichen Zeiten dort eine Art Gegendruck aufbauen, um zu starke Nord-Süd-Flüsse im Stromnetz zu verhindern. Mit einem finanziellen Anreiz, genannt „Südbonus“, will die Bundesregierung die Kraftwerks-Investoren deshalb vor allem nach Bayern und Baden-Württemberg locken. Sie könnte damit soviel Erfolg haben, dass den Stromnetzbetreibern im Norden allmählich mulmig wird.

Denn der Blackout auf der iberischen Halbinsel im vergangenen Jahr hat die Versorger auch hierzulande auf ein besonderes technisches Problem aufmerksam gemacht: Ist das Stromnetz erst einmal zusammengebrochen, kann es schwierig sein, im Leitungsnetz flächendeckend eine neue Spannung aufzubauen. Nötig dafür sind sogenannte schwarzstartfähige Kraftwerke, die ohne Anschubhilfe von außen aus eigener Kraft anspringen können. Solche Kraftwerke sind auch in Norddeutschland nicht mehr zu finden – aber auch dort dringend nötig.

Die für die Höchstspannungstrassen zuständigen Netzbetreiber 50 Hertz und Tennet drängen deshalb darauf, dass die Bundesregierung mindestens ein Drittel der12 Gigawatt neuer Gaskraftwerke in Norddeutschland errichten lässt. Die Not ist groß: Der für Ostdeutschland zuständige Netzbetreiber 50 Hertz in Berlin hatte in den vergangenen Monaten seinen Bedarf an schwarzstartfähigen Kraftwerkenzwischen Ostsee und Tschechien ausgeschrieben. Doch es gab kein einziges Angebot, ein solches Kraftwerk zur Verfügung zu stellen. Ein Mangel, der große Risiken birgt.

„Ohne diese Kraftwerke besteht die Gefahr einer verzögerten Wiederversorgung Ostdeutschlands infolge einer Störung im Stromsystem mit möglichen schweren Folgen für die Menschen, die Wirtschaft und das Vertrauen in eine funktionierende Infrastruktur in der Region“, warnt Dirk Biermann, Geschäftsführer Operations bei 50 Hertz. „Ohne Zubau neuer Kapazitäten ist in der 50-Hertz-Regelzone der schnelle Wiederaufbau der Versorgung nicht gewährleistet.“ Das heißt: Nach einemmöglichen Blackout in Norddeutschland bleibt es schlimmstenfalls lange dunkel.

„Der großflächige Stromausfall in Spanien im April 2025 und die lokal begrenzten Stromausfälle in Berlin im September 2025 und im Januar 2026 zeigen, wie wichtig eine zügige Wiederversorgung der Stromkunden nach einem Zwischenfall ist“, heißt es in einem Politikbrief von 50 Hertz. Das gelte für die Höchstspannungsbetreiber in noch größeren Maße als für die Verteilnetzbetreiber vor Ort, warnt Biermann: „Es sollte für alle ein Alarmsignal sein, dass es in der letzten Ausschreibung für schwarzstartfähige Anlagen in unserer Regelzone kein einziges Gebot gab.“

Bonus für 50 Prozent Vorteil für Kraftwerke im Süden

„Großkraftwerke erbringen heute einen wesentlichen Anteil der Momentanreserve zur Frequenzstabilisierung sowie der Blindleistung zur sicheren Spannungsregelung“, stellt der Netzbetreiber darüber hinaus fest. Weil aber ab 2028 bis 2030 weitere 3000 Megawatt Braunkohleleistung im Osten Deutschlands abgeschaltet werden, „verliert die 50-Hertz-Regelzone erhebliche technische Fähigkeiten“. Auch um dem zu begegnen, sei es wichtig, mehr neue Gaskraftwerke in den Nordosten zu holen.

Der ostdeutsche Kraftwerksbetreiber Leag schließt sich der Warnung an: Das Unternehmen, das die Braunkohlekraftwerke der Lausitz betreibt, verweist in einem internen Schreiben auf eine Studie der Beratungsfirma Consentec: Demnach könnten Kraftwerksstandorte in Süddeutschland dank des geplanten „Südbonus“ einen finanziellen Vorteil von rund 50 Prozent gegenüber norddeutschen Standorten bekommen. Fazit des Kraftwerksbetreibers: „Damit sind die Nordosten-Standorte in den Ausschreibungen chancenlos.

“Aus Gründen der Versorgungssicherheit sei es „dringend zu vermeiden“, dass alle neuen Kapazitäten in den Süden wandern, mahnt die Leag. Auch im Nordosten sei als Ausgleich für den Kohleausstieg gesicherte Leistung nötig: „Trotz des massiven Ausbaus von Wind und Fotovoltaik werden die wetterabhängigen Erneuerbaren auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein, Deutschland in allen Stunden im Jahrgesichert mit Strom zu versorgen. Weder der EU-Binnenmarkt noch die neuen Batteriespeicher können diese Erzeugungslücken alleine decken.“

Der Hinweis bezieht sich wohl auf den Versuch von Ökostrom- und Batteriespeicher-Lobbyisten, den Neubau von Gaskraftwerken weitestgehend zu verhindern. Firmen, die etwa im Verein „New Energy Alliance“ verbündet sind, argumentieren, dass Batteriespeicher einen Großteil der Gaskraftwerke überflüssig machen würden.

Ein Glaube fern der Wirklichkeit. Denn der Netzbetreiber 50 Hertz stellt in seinem Policy Briefing fest, dass die erneuerbaren Energien in 211 Zeiträumen des Jahres 2024 weniger als 15 Prozent ihrer installierten Leistung nutzten – weil es an Wind- und Sonnenschein fehlte. Jeder dieser Zeiträume mit Ökostrom-Flaute hielt länger als zehn Stunden an, der längste dauerte sogar 259 Stunden. Batteriespeicher jedoch sind nach längstens vier Stunden leer.

In den Phasen der Dunkelflaute (https://www.welt.de/wirtschaft/plus691714e1c7cd0ff6c6201af3/energiepolitik-dasende-der-dunkelflauten-was-der-kraftwerke-kompromiss-fuer-deutschlandbedeutet.html) „deckten Braun- und Steinkohlekraftwerke zeitweise die Hälfte des Verbrauchs“, stellt 50 Hertz fest. Die Einschätzung des Netzbetreibers zum Bedarf neuer Gaskraftwerke deckt sich mit der des Kraftwerkskonzerns Leag: „Der europäische Strommarkt und neue Batteriespeicher können solche Unterdeckungen, die durch einen absehbaren Kohleausstieg entstehen würden, weder heute noch mittelfristig kompensieren.“

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland “ erstellt. Daniel Wetzel (https://www.welt.de/autor/daniel-wetzel/) ist Wirtschaftsredakteurin Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preisausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.

Unmöglicher „Schwarzstart“ nach Blackout? Die Angst der Netzbetreiber vor dem Südbonus

Schreibe einen Kommentar

Nach oben scrollen