Das deutsche Dorf, das die Energiekrise einfach ignoriert...
Focus und Deutsche Welle vom Donnerstag, 09.04.2026 – 16:25
Das deutsche Dorf, das die Energiekrise einfach ignoriert…Link zum Artikel
Für viele Menschen sind die steigenden Strompreise ein Schock. Doch für für die 130 Einwohner von Feldheim in Brandenburg ist Energie dauerhaft günstig.
„In meiner alten Wohnung habe ich etwa 2400 Kilowattstunden im Jahr verbraucht. Diese ganze Technik braucht eine Menge Strom“, sagt Jens Neumann und zeigt auf seinen Computer mit vier Bildschirmen und Videospielkonsole.
In seinem früheren Wohnort stiegen die Stromkosten immer weiter. Angelockt vom billigen Strompreis zog er 2024 nach Feldheim, gemeinsam mit anderen Neubürgern. Nun ist er „ziemlich entspannt, weil meine Kosten nur noch halb so hoch sind.“
Selbst als Russlands Krieg gegen die Ukraine Europa in eine Energiekrise stürzte und die Heiz- und Strompreise explodierten, blieb Feldheim davon weitgehend unberührt. Auf dem Höhepunkt der Krise kostete Strom in Deutschland im Schnitt rund 45 Cent pro Kilowattstunde. In Feldheim blieben die Kosten stabil bei weniger als der Hälfte.
Und was Neumann betrifft, sollte das Dorf noch mehr von dem bauen, was seine Stromrechnungen so niedrig hält: Windräder. Von seiner Veranda aus kann er sie sanft rotieren sehen.
Damit steht er im Gegensatz zu Bürgern in manchen anderen ländlichen Regionen, die Windanlagen in der Nähe ablehnen. Selbst Bundeskanzler Friedrich Merz hat Windräder als hässliche Flecken in der Landschaft abgetan.
Doch angesichts der jüngsten Energiekrise durch den Iran-Krieg, und während der Ausbau der erneuerbaren Energien stockt, könnt Feldheims Energiewende wichtige Lehren bieten.
Wie das kleine Feldheim zu extrem günstigen Energiepreisen kam:
Die Geschichte beginnt Anfang der 1990er-Jahre, als der junge Ingenieurstudent Michael Raschemann das Potenzial von Feldheim erkannte. Das Dorf liegt auf einer leichten Anhöhe mit idealen Windverhältnissen, und eine Stromleitung war in unmittelbarer Nähe. Zudem steht es in einer ländlichen Region im ehemaligen Ostdeutschland, die nach der Wiedervereinigung um ihre Zukunft kämpfte.
„Alles wurde abgebaut – Jobs verschwanden, die Menschen mussten immer weiter pendeln, und nichts tat sich“, erinnerte sich Raschemann. Als er vorschlug, hier vier Windräder zu bauen, war das wenigstens etwas Neues.
Windkraftanlagen waren damals noch eine Kuriosität und so kamen sogar Fernsehkameras ins Dorf.
Raschemann und seine Frau gründeten gemeinsam das Energieunternehmen Energiequelle. Es folgte ein langsamer, überlegter Prozess mit Einbindung der Gemeinde, den Anwohnern und der landwirtschaftlichen Genossenschaft, die einen Großteil der Feldheimer Flächen verwaltet. Zusammen wurde entschieden, wo Windkraftanlagen gebaut werden ohne Häuser zu beschatten.
Der kontinuierliche Dialog war einer der Gründe, warum die Bewohner mitmachten, sagt Sebastian Herbst, Leiter der landwirtschaftlichen Genossenschaft vor Ort.
„Diese Struktur ist langsam gewachsen. Es kamen mehr Windräder dazu, aber die Bewohner wurden immer informiert und eingebunden“, sagt Herbst.
Feldheims Ausbau erneuerbarer Energien:
In Feldheim gibt es längst mehr als nur Windräder. 2008 schloss sich die Landwirtschaftsgenossenschaft mit Energiequelle zusammen, um eine Biogasanlage zu bauen.
Zu dieser Zeit litten europäische Landwirte unter niedrigen Erzeugerpreisen – die Anlage bot den Feldheimer Bauern zusätzliche Einnahmen. „Dadurch konnten wir unsere Arbeitskräfte sichern und neue Arbeitsplätze anbieten“, sagt Herbst.
Die Anlage verwandelt heute Gülle, Mais und Getreidemahlerzeugnisse in Strom und Wärme, fängt das Treibhausgas Methan auf und nutzt es als klimafreundlichen Brennstoff.
Eine holzbefeuerte Zusatzheizung, eine Solaranlage und ein großer Batteriespeicher vervollständigen das Energiesystem vor Ort.
Das Dorf produziert inzwischen hunderte Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr – weit mehr, als die 130 Feldheimer verbrauchen. Mehr als 99 Prozent der hier erzeugten Energie wird ins deutsche Stromnetz eingespeist. Der weniger als ein Prozent, doch der kleine lokale Anteil wurde der Schlüssel zur Energiewende im Ort.
Hohe Akzeptanz durch günstige Energie:
In den ersten Jahren mussten die Feldheimer den vor Ort erzeugten Strom vom überregionalen Energieversorger zurückzukaufen. Das frustrierte viele. Sie mussten zusätzlich zu ihrem sehr günstig erzeugten Windstrom hohe Gebühren dafür zahlen, dass der Strom – nur wenige Kilometer – durch das öffentlichen Netz durchgeleitet wurde.
Die Energiequelle-Gründer versuchten darum, das örtliche Stromnetz zu kaufen. Als das scheiterte, baute man 2010 gemeinsam mit der Gemeinde ein komplett neues Netz.
Doch die Bewohner gingen noch einen Schritt weiter: Jeder Haushalt investierte 3000 Euro, unterstützt durch staatliche und EU-Mittel, um ein eigenes Wärmenetz aufzubauen. Feldheim ist das einzige der 180 deutschen Bioenergiedörfer mit einem vollständig unabhängigen Strom- und Wärmenetz für erneuerbare Energie. Und genau deshalb ist die in Feldheim so günstig: Während die Deutschen im Schnitt 35 Cent per Kilowattstunde zahlen, zahlen Feldheimer nur 12 Cent.
Was kann die Welt von Feldheim lernen?
Feldheim profitiert von besonderen Umständen: Es ist klein, eng vernetzt und die Leitungslängen sind kurz. Die Agrargenossenschaft genießt hohes Vertrauen und war früh engagiert.
Das Dorf ist inzwischen ein viel beachtetes Vorzeigeprojekt und bietet Schulungen und Führungen. Ähnliche Mikronetze gibt es auf der schottischen Isle of Eigg oder Kodiak Island in Alaska. Aber größere Städte oder weniger eng verbundene Gemeinden könnten diese Modelle schwerer umsetzen.
Feldheim zeigt dennoch: Effektive Kommunikation – von Anfang an – ist entscheidend. Und die Menschen müssen sehen, dass sie finanziell profitieren oder zumindest sparen.
„Es ist unglaublich wichtig, diesen kleinen Teil der Energie – etwa eine Million Kilowattstunden – lokal zu nutzen, um die Akzeptanz zu gewinnen, die restlichen 99,5 Prozent in das Stromnetz einzuspeisen“, sagt Raschemann.
Doch auch Feldheim muss sich weiter entwickeln. Die Subventionen für die Biogasanlage laufen aus. Zwar gibt es ein neues Förderprogramm. Doch Laut Genossenschaftsleiter Herbst ist diese finanzielle Förderung nur unzureichend. Zudem müsse bald eine neue Generation leistungsstärkerer Windräder installiert werden.
Auch hier wird die Einbindung der Dorfbewohner entscheidend sein. „Es ist wieder wichtig, die Feldheimer mitzunehmen – damit sie diese Veränderungen verstehen und bereit sind, sie zu akzeptieren“, sagt Energiequelle-Gründer Raschemann.
Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch. Adaption: Gero Rueter
Redaktion: Tamsin Walker
Von Beatrice Christofaro